Nachhaltigkeit – eine Definition

Was bedeutet eigentlich Nachhaltigkeit? Immer wieder begegnet mir dieser Begriff in Beiträgen und öffentlichen Debatten. Auffällig oft wird Nachhaltigkeit mit “ökologisch” oder “umweltverträglich” gleichgesetzt. Tatsächlich hat sich diese Auslegung auch in der politischen Diskussion manifestiert. Doch woher kommt der Begriff, wie kommt seine Lesart zustande und welche politischen Auslegungen existieren?

In einem der ersten Wörterbucheinträge von 1910 galt der Begriff Nachhaltigkeit als Übersetzung von lateinisch perpetuitas “[…] und ist das Beständige und Unablässige wie auch das ununterbrochen Fortlaufende, das Wirksame und Nachdrückliche […]”.[1] In Deutschland wurde der Begriff zunächst in der Forstwirtschaft verwendet, als “[…] Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils nachwachsen kann […]”.[2] Im Sprachgebrauch hat sich folgende Lesart manifestiert: “Prinzip, nach dem nicht mehr verbraucht werden darf, als jeweils nachwachsen, sich regenerieren, künftig wieder bereitgestellt werden kann”.[3]

Seinen politischen Ursprung nimmt der Begriff aus den Ergebnissen der Arbeit der Brundtland-Kommission der UN, die – vor dem Hintergrund einer aufkommenden Diskussion über Grenzen des Wachstums[4] – sich mit einem tragfähigen Konzept für das weltweite Wirtschaften der Zukunft befasste[5]. Folgende Ergebnisse brachte die Kommission hervor:

So wird im Brundtland-Bericht Nachhaltigkeit als ein Zielbündel verstanden, das ökologische, ökonomische und soziale Ziele gleichrangig behandelt und nicht gegeneinander ausspielt. Nur so sind dauerhaft stabile Gesellschaften zu erreichen. Weiter definiert der Bericht nachhaltige Entwicklung wie folgt:

„Dauerhafte Entwicklung ist Entwicklung, die die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne zu riskieren, dass zukünftige Generationen ihre eigenen Bedürfnisse nicht befriedigen können.“

Die schließt folgende Prinzipien mit ein:

Intragenerationelle Gerechtigkeit – fordert den gerechten Ausgleich zwischen den Interessen der Menschen in Industrie – und Entwicklungsländern.

Intergenerationelle Gerechtigkeit – fordert, dass zukünftige Generationen in ihrer Bedürfnisbefriedigung nicht durch die Lebensweise der gegenwärtigen Generation beeinträchtigt werden.

Die Enquete-Kommission “Schutz des Menschen und der Umwelt – Ziele und Rahmenbedingungen einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung” des Deutschen Bundestages hat daraufhin das sogenannte Drei-Säulen-Modell der Nachhaltigkeit entwickelt.[6]

Dieses Modell wurde von Kritikern oft als wenig operabel kritisiert. Zudem wird die Gleichrangigkeit von ökonomischer, ökologischer und sozialer Nachhaltigkeit hinterfragt, da in den Augen der Kritiker das Ziel der ökologischen Nachhaltigkeit zum Schutz der natürlichen Lebensbedingungen als Grundvoraussetzung für ökonomische und soziale Stabilität Vorrang genießen muss. Letztlich wird kritisiert, dass das Prinzip der drei Säulen dazu verleitet, die Säulen gegeneinander aufzurechnen, beispielsweise ökonomische Nachhaltigkeit zulasten sozialer Nachhaltigkeit überzubetonen.

Für mich ist diese Diskussion komplett fehlgeleitet, was sich auch darin zeigt, dass kein einziges Modell die Grundprinzipien von Brundtland oder dem Drei-Säulen-Modell bislang ablösen konnte. Teilweise sind die Argumente sogar von Grund auf widerlegt (Gleichrangigkeit vs. Aufrechnung).

Der Kritikpunkt “Vorrang für ökologische Nachhaltigkeit statt Gleichrangigkeit” ist dennoch spannend. Hierin kommt ein in der Plattformökonomie altbekanntes Problem zum Ausdruck: das Chicken-Egg-Problem. Also die Frage: Was war zuerst da und wo muss ich meine Maßnahmen ansetzen? In der Plattformökonomie gibt es hierzu verschiedene Ansätze, die wir in einem späteren Beitrag vertiefen werden. Möglicherweise lassen sich diese auf die Nachhaltigkeitsdebatte übertragen.

Ähnlich verhält es sich mit der Operationalität. Aus dem Bereich der Business Ecosystems ist uns bekannt, dass komplexe Systeme nur begrenzt beherrschbar sind (vgl. Definition). Um das an dieser Stelle am Beispiel Klimawandel nochmals zu verdeutlichen: Der Klimawandel in Folge des CO2-Ausstoßes unserer wohlhabenden Industrienationen kann zur Folge haben, dass in Teilen der Erde die ökologische Lebensgrundlage bedroht ist, was wiederum große Wanderungsbewegungen ganzer Völker auslösen könnte. Massive Wanderungsbewegungen könnten – und erste Anzeichen dazu sieht man bereits jetzt – in den Staaten mit hoher Zuwanderung soziale Verwerfungen verursachen, die sich letztlich auch in der ökonomischen Stabilität niederschlagen. Umgekehrt wird der Klimawandel nicht zu stoppen sein, wenn nicht auch Entwicklungs- und Schwellenländer ihren Beitrag dazu leisten. Nur wird dies nicht funktionieren, solange keine ökonomische Grundlage existiert, die ökologische Maßnahmen nicht zur Bedrohung des Existenzminimums der jeweiligen Bevölkerung werden lässt.

Die Einflussfaktoren auf diese Systeme sind hoch vernetzt. Dieses Geflecht zu entwirren – und auch das kennen wir aus den Business Ecosystems– kann nur über Strategien gelingen, die Schritt für Schritt operationalisiert und agil angepasst werden.

Für die Zukunft werden wir beim Thema Nachhaltigkeit weiter der Auslegung des Brundtland-Reports folgen, d.h. Gleichrangigkeit der Dimensionen ökonomisch, ökologisch, sozial sowie die Berücksichtigung von intra- und intergenerationeller Gerechtigkeit. Und wir werden weiter darauf eingehen, welche Möglichkeiten und Methoden das Zeitalter der Plattformökonomie für eine nachhaltige Entwicklung im Brundtland-Sinne bietet.


[1] Wörterbucheintrag Deutsch-Latein zu »nachhaltig«. Karl Ernst Georges: nachhaltig. In: Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch. Nachdruck. Darmstadt 1999, Spalte 1740 (zuerst Hannover/Leipzig 1910).

[2]https://www.duden.de/rechtschreibung/Nachhaltigkeit

[3]https://www.duden.de/rechtschreibung/Nachhaltigkeit

[4] [Dennis Meadows u.a., Die Grenzen des Wachstums. Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit, Stuttgart 1972, S.17].

[5]https://en.wikisource.org/wiki/Brundtland_Report

[6]https://dip21.bundestag.de/dip21/btd/13/112/1311200.pdf

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