Das Unternehmen ist tot, lang lebe die Plattform! 

Wir leben im Zeitalter der New Work, Agiler Organisationen und Plattform-Unternehmen. Während Deutschland hierbei noch Entwicklungsland ist – nicht einmal 10 Prozent der deutschen Unternehmen arbeiten agil –  gibt es mit Haier, dem chinesischen Hersteller für Weiße Ware, ein weltweit gültiges Referenzbeispiel für eine gelungene Transformation zu einer agilen Organisation.

Ist die klassische Unternehmung bald Geschichte?

Haier ist ein Extrembeispiel für agile Transformation. Haier hat ein skalierbares System von etwa 4.000 Microenterprises geschaffen. Jede Microenterprise umfasst maximal 20 Mitarbeiter. Etwa 200 Microenterprises arbeiten dabei mit Fokus auf den Endverbraucher, während die verbleibenden 3.800 als interne Dienstleister tätig sind. Arbeitsprozesse, Vorgehensmodelle, interne Organisationsstruktur, Geschäftsmodell, Strategie, Vision und Zweck der Unternehmung werden autonom, innerhalb eines Haier-weiten Rahmens entschieden. Die Erfolgsverantwortung liegt komplett bei der Microenterprise und deren Mitarbeiter. Haier agiert letztlich als B2B-Plattform für die eigenen Unternehmer (mehr dazu unter diesem Link) .

Wer sich mit diesem Modell auseinandersetzt, kommt unweigerlich zur Frage, wozu es Haier als Dach-Unternehmung überhaupt braucht? Warum sollten erfolgreiche Microenterprises sich nicht mittelfristig abspalten? Und wäre die logische Fortschreibung dieser Idee nicht die komplette Abschaffung von Unternehmen, das heißt die kontinuierliche Verkleinerung von Unternehmen bis zur vollständigen Gig Economy?

Warum gibt es Unternehmen?

Laut der Neuen Institutionenökonomik existieren Unternehmen deshalb, weil der Preismechanismus des Marktes mit Transaktionskosten verbunden ist. Stellen Sie sich vor, Sie starten ein Projekt und müssen das komplette Team erst akquirieren. D.h. Sie haben zunächst Suchkosten. Dann müssen Sie Verträge aushandeln. Der Preis für Entwickler könnte z.B. sehr hoch sein, da diese zu diesem Zeitpunkt sehr gefragt sind. Unter Umständen kündigen einige in der Probezeit – oder umgekehrt,… Der Prozess wird langwierig und aufwendig. Unternehmen mit ihrem Ordnungsrahmen sorgen hier für Planungssicherheit – unter Inkaufnahme von Ineffizienzen.

In der Neuen Institutionenökonomik ist die Unternehmung die Antwort auf die Transaktionskosten des Marktes, die daraus resultieren, dass die Akteure am Markt mit asymmetrischer Information operieren; einer Veränderung des Wissens, beschränkter Rationalität, Opportunismus oder Moral Hazard unterliegen, und Verträge als Lösungskonzept unvollständig sind. Ferner unterliegen Märkte aufgrund weiterer Restriktionen (z.B. mangelnder Mobilität der Arbeitskräfte) dauerhaften Ungleichgewichten.

Andererseits existieren Märkte, weil die Integration von Aktivitäten in ein Unternehmen ihrerseits auch Kosten verursacht. So zum Beispiel werden Projektleiter häufig über den Markt bezogen. Zum Einen, um spezifisches Wissen zu beschaffen. Zum Anderen aber auch, um Kosten zu reduzieren, die z.B. in einer Nach-Projektzeit entstehen würden. Die Vorteile des Marktes liegen folglich in der Kurzfristigkeit und in der hohen Flexibilität bei geringen administrativen Kosten und höchstmöglichen Leistungsanreizen.

Als Mischform zwischen Markt und Hierarchie der Unternehmung sieht die Neue Institutionenökonomik die Kooperation bzw. das Netzwerk vor. Hier verpflichten sich die Parteien freiwillig, sich gemeinschaftlichen vertraglichen Regeln zu unterstellen. Diese Regeln begrenzen zwar die Handlungsmöglichkeiten der Akteure, führen aber durch den Abbau von Unsicherheiten zu einem gestiegenen Nutzen für alle. Im Grunde spricht die Neue Institutionenökonomik hier bereits von Plattformen.

Von Benutzer:Kudi, CC BY-SA 3.0,
https://de.wikipedia.org/w/index.php?curid=673925

Zusammengefasst sieht die Neue Institutionenökonomik die Existenz von Unternehmen als Antwort auf die Unvollkommenheit des Marktes, insbesondere im Hinblick auf Unsicherheiten bzw. dem Bedarf an spezifischen Faktoren.

Plattformen als Antwort auf die Unvollkommenheit des Marktes

Genau hier setzen Plattformen an. Sie reduzieren einerseits die Markteintrittsbarrieren, was dazu führt, dass die Angebotsvielfalt und die Transparenz darüber im Markt deutlich steigt. Die Beschaffungen von spezifischen Leistungen ist so einfach wie nie. Der Longtail-Markt ist zum Massengeschäft geworden (vgl. z.B. der XOM Marketplace). Andererseits reduzieren Plattformen durch Mechanismen wie Bewertungsfunktionen, Identifizierung von Nutzern, Sanktionierung von Regelverstößen, usw. die Unsicherheit der Marktteilnehmer fundamental.

Was wir aktuell erleben – besetzt mit den Schlagworten Agile Organisation oder Plattform-Unternehmen –  ist letztlich die logische Konsequenz aus der zunehmenden Transparenz und den Möglichkeiten, die mit dem technologischen Fortschritt einhergehen. Hätten Sie im Jahr 2000 einen Online-Shop aufbauen wollen, hätten Sie sich wahrscheinlich einen Server in den Keller stellen und einige Entwickler anstellen müssen. Heute gehen Sie zu Shopify, hinterlegen Ihre Daten, klicken sich durch den App-Store (schauen natürlich auf die Bewertungen) und stellen sich Ihren Shop per Drag & Drop zusammen. Nach nicht einmal 24 Stunden können Sie online sein inkl. Payment-Prozesse, Warehousing und Schnittstellen zu den großen Marktplätzen.

Auf dem Weg in die Gig Economy

Klassische Unternehmen werden noch lange existieren. Klar ist jedoch, die Unternehmung, wie wir sie heute kennen, ist nur ein Behelf um der Unvollkommenheit des Marktes zu begegnen. Dafür werden hohe Kosten in Kauf genommen. Mit zunehmender Digitalisierung werden sich diese Unvollkommenheiten zunehmend reduzieren. Der Trend zu Microenterprises und Plattform-Unternehmen wird daher weitergehen. Während sich die Markttransparenz erhöht, steigt gleichzeitig die Gefahr von Moral Hazard oder Opportunismus durch die Marktmacht einzelner Akteure. Agile Unternehmen sind nur ein Zwischenschritt zum “vollkommenen Markt”. Konzepte wie ein Digital Identity Layer bringen die nächste Veränderungswelle mit sich und eröffnen die Fantasie für ganz neue Arbeitsmodelle, geprägt von mehr Selbstständigkeit und Klein-Unternehmertum (mehr dazu unter diesem Link). Spannend wird sein, wie der Sozialstaat damit umgehen wird.

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